Vererbter Stress?

Menschen reagieren auf Stress sehr unterschiedlich. Der eine bleibt ruhig, auch wenn um ihn herum das Chaos tobt oder eine Situation eskaliert und kann besonnen und gelassen die Probleme angehen. Andere werden schnell nervös, reagieren vielleicht ängstlich oder hektisch, je nachdem wie ihr persönliches Stressmuster gestrickt ist. Wir reagieren mal so, mal so, je nachdem wie erholt, zuversichtlich oder motiviert wir sind, wenn wir Herausforderungen begegnen. Positiver Stress kann uns beflügeln, während eine bedrohliche Situation, in der wir keine Möglichkeit sehen, sie zu bewältigen, uns lähmt oder blockiert und in der Regel sehr negative Auswirkungen hat. Die Fähigkeit, mit Stresssituationen umzugehen, hängt also u.a. von unserer aktuellen Verfassung ab. Viele Menschen, die Therapie suchen, sind stark belastet und in diesem Moment gar nicht in der Lage, gelassen und souverän zu reagieren. Was hat Stress mit Vererbung zu tun? Seit einigen Jahren wissen wir, dass Belastungen und negative Stresserfahrungen (epi-)genetische Veränderung im „stress-response-system“ (das System, das im Körper auf Stress antwortet) hervorrufen kann. Das autonome Nervensystem wird in seiner Funktionsweise dauerhaft beeinträchtigt. Durch Vererbung kann die nächste und übernächste Generation betroffen sein. Die Belastungen unserer Großeltern und Eltern können also auf genetischem Weg dazu führen, dass wir weniger gut mit Stress umgehen können. Wir reagieren schneller und stärker als andere mit Vorsicht, Angst, Unruhe oder Getriebenheit, wenn eine reale oder vermeintliche Bedrohung auftritt. So können z.B. die extrem traumatischen Erfahrungen der beiden Weltkriege noch heute bei Kindern und Enkeln der Betroffenen physiologische und psychische Folgen zeigen. Befunde, die in vielen systemischen Familientherapien seit Jahren erhoben werden, erscheinen durch die neuere Forschung biologisch nachvollziehbar und plausibel. Wenn Eltern traumatisiert sind, kann zudem ihr Bindungsverhalten zu ihren Kindern in den ersten Lebensjahren beeinträchtigt sein, mit Auswirkungen auf die Bindungssicherheit der Kinder. Wenn zudem durch genetisch bedingte Veränderungen das Nervensystem beeinträchtigt ist, steigt das Risiko für eine psychische Erkrankung. Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, fragen sich oft, woher ihre Probleme eigentlich kommen und fühlen sich persönlich verantwortlich, wenn sie nicht mehr stabil und belastungsfähig sind. Die Information zur Vererbung von Stresserfahrungen ist für viele entlastend. Wenn die gefühlte Belastung nicht nur in der eigenen Biographie entstanden ist, sondern in den Generationen davor, kann ein vertieftes Verständnis für die eigene Situation entstehen. Betroffene tragen eben gegebenenfalls nicht nur die eigene Last, sondern auch die der Eltern. Manchmal lassen sich damit die enormen Selbstzweifel entschärfen, die Menschen verfolgen, wenn sie für die psychische Erkrankung kein schlüssiges Erklärungsmodell finden und ihnen ihre eigene Lebensgeschichte unverständlich bleibt. Die Belastungen zu verarbeiten (auch die der Eltern und Großeltern), die erlittenen Schicksale abzutrauern und zu akzeptieren kann ein Weg sein, die eigene Belastungsfähigkeit und das „stress-response-system“ wieder herzustellen . Denn das ist die gute Nachricht: Alles weist darauf hin, dass positive Erfahrungen günstig auf die eigenen (Epi-)Gene wirken.
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