Nachhaltigkeit für die Seele

Burnout ist ein Thema, das fast überall diskutiert wird. So auch auf der „Zukunft Personal“, Deutschlands größter Personalmesse, in der wir im letzten Jahr über die Nachhaltigkeit der „Ressource Mensch“ diskutiert haben. Nun tue ich mir als Arzt schwer damit, Menschen auf die Nutzbarmachung ihrer Arbeitskraft zu reduzieren. Und Gott sei Dank hat in den Personalabteilungen vieler Firmen bereits ein Umdenken stattgefunden.

Der Faktor Mensch in der Arbeitswelt

Menschen werden aber trotzdem nach wie vor gerne wie „Produktionsmittel“ angesehen, geplant und wie alle übrigen Dinge kalkuliert, die wir für die Herstellung von Produkten oder für die Ausübung von Dienstleistungen brauchen. Die Einsicht, dass es beim Wirtschaften ganz primär um uns Menschen geht, ist noch nicht wirklich überall „angekommen“, sprich diese Erkenntnis wird im Arbeitsalltag nach wie vor zu wenig berücksichtigt. Denn im Zentrum stehen nicht nur diejenigen, für die etwas produziert wird, sondern insbesondere jene, die einen Großteil ihrer Lebenszeit in ihre Arbeit investieren und sie dort, im Unternehmen, auch verbringen. Und das tun die Menschen nicht nur, weil sie dort ihre Brötchen verdienen, sondern weil sie dort ihre Kraft, ihre Kreativität und ihr Können einbringen. Manchen ist ihre Arbeit so bedeutsam, dass sie mitunter den Lebensmittelpunkt darstellt und sie sich über ihre Tätigkeit, ihr Tun definieren. Arbeit stiftet somit auch sehr viel Sinnhaftigkeit, die Menschen für ihr Dasein benötigen.

Insofern ist es – aus dieser Perspektive – unverständlich, wenn Menschen bisweilen derart schnell aussortiert werden, ja dass es in den Unternehmen kaum mehr „Nischen“ gibt. Oder dass es überhaupt zugelassen wird, dass Menschen erschöpfungsbedingt psychisch zusammenbrechen und darüber nicht selten eine lange Krankheitsperiode eingeleitet wird. Es entsteht viel Leid, unendlich viel Potenzial wird vergeudet, sowie erhebliche Kosten entstehen, wenn Menschen krank werden und ihnen nicht zeitnah geholfen wird. Jedoch genau an dieser Stelle – wenn es nämlich um die Fehlzeiten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht – werden Unternehmen sehr schnell hellhörig. Fakt ist, dass der Krankenstand aufgrund psychischer Erkrankungen stetig und ungebrochen zunimmt. Ein Ende dieser Entwicklung ist im Moment nicht abzusehen.

Nachhaltigkeit betrifft Selbstfürsorge und Rahmenbedingungen

Menschen werden krank, wenn sie beispielsweise in oder mit ständiger Angst leben, wenn ihr Selbstwert und ihre Identität verletzt werden, sie ihre Selbstwirksamkeit verlieren oder sie ihre Fähigkeiten nicht entfalten können, sich also nicht entwickeln dürfen. Auch wenn sie ständig nur am Kämpfen sind, ohne dass Erfolg spürbar und sichtbar wird, ohne Raum um auf die eigenen Ressourcen zuzugreifen, ohne Abwechslung und Erholung. Auch Vereinsamung macht krank.
Überforderung findet einerseits ganz real statt, andererseits entsteht sie nicht zuletzt in unseren Köpfen. Denn ein verunsichertes Selbstwertgefühl führt dazu, dass wir uns immer mehr anstrengen, um das zu leisten, was tatsächlich oder vermeintlich von uns erwartet wird. Es fehlt sowohl an gesundem Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten als auch am rechten Gespür für die eigenen Grenzen. Nachhaltig gehen Menschen mit sich selbst oft erst dann um, wenn sie erlebt haben, welche fatalen Folgen chronische Überforderung, ein ständiges In-Alarmbereitschaft-Stehen sowie sozialer Gegenwind haben können. Aber so wichtig die eigene Selbstfürsorge auch ist, sie allein reicht oft nicht aus.

Auch Arbeitsplätze können nachhaltig sein: Sie sind es dann, wenn die Arbeitsbedingungen die individuellen Möglichkeiten der Menschen berücksichtigen. Die Verantwortung für die seelische Gesundheit liegt somit durchaus auf beiden Seiten: Bei jedem Einzelnen und bei den Unternehmen, die den Rahmen schaffen und gestalten, in dem gearbeitet werden soll.

 

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